Warum wir nicht von der Ich-Illusion verschont geblieben sind

Fragst du dich auch manchmal, warum bin ich nicht von der Ich-Illusion verschont geblieben? Warum muss ich so viel tun, um zu erwachen? Warum bin ich überhaupt unerwacht?

Das ist eine sehr gute Frage. Der Buddha sagt, dass wir ungefesselt geboren wurden. Warum ist es nicht einfach so geblieben? Dann könnten wir als Erwachte ein leichtes Leben haben.

Auf der Reise durch die zehn Fesseln wirst du in der 9. und 10. Fessel hautnah erleben, was geschah. Es gab keine Chance, von der Ich-Illusion verschont zu bleiben.

(„Fessel“ ist das buddhistische Wort für die Annahmen und Interpretationen der Wirklichkeit, die verdecken, was tatsächlich ist.)

 

 

Wir starten ungefesselt ins Leben

Wir werden ungefesselt geboren. Es ist klar zu sehen, was ist:

  • Es gibt nichts Dinghaftes, keine Etwas-heit. Das heißt, es existiert kein fester Halt, nichts worauf wir stehen können, nichts, woran wir uns festhalten können, nichts, was wir wissen können.
  • Es gibt auch nichts, was von Dauer ist, nichts, worauf wir uns verlassen können.
  • Es ist nicht möglich, sich immer gut zu fühlen. Das ist für viele der schlimmste Aspekt.

 

 

Die mitgebrachten „Tendenzen“ setzen die Fesselung in Gang 

Wir sind zwar ungefesselt bei der Geburt, aber wir haben bereits Tendenzen. Das Wort Tendenzen hört sich sehr harmlos an. In Wirklichkeit sind diese Tendenzen ungeheuer starke Kräfte.

Diese Tendenzen suchen unermüdlich und intensiv nach Möglichkeiten wie wir uns gut fühlen können. Die Werbung nutzt diese Tendenzen aus. Was verspricht sie? Dass wir uns gut fühlen werden, wenn wir dieses Produkt kaufen.

Ungefesselt gibt es keinen festen Boden, keinen sicheren Halt. Wo ist etwas, woran wir uns festhalten können? Und es muss doch etwas geben, worauf wir uns verlassen können!

 

 

Und so bleiben wir nicht von der Ich-Illusion verschont

Weil es sich so unerträglich anfühlt, diese drei Wünsche nicht erfüllt zu bekommen, wird die Wahrheit einfach ignoriert. Und dann setzt die Suche nach diesen 3 Unmöglichkeiten ein. Es ist eine unglaublich starke Unruhe, die auch körperlich zu spüren ist. Eine völlig unpersönliche Kraft sucht nach etwas, was es nicht gibt, hektisch und verzweifelt.

Das kannst du selbst hautnah erleben, wenn die 9. Fessel erreicht ist.

 

Ich habe sogar trotz besseren Wissens weitergesucht

Auf meinem Weg durch die Fesseln hatte ich bereits in eigener Erfahrung gesehen, was ich bis dahin ignoriert hatte und dass es einfach nicht möglich ist, die drei Wünsche erfüllt zu bekommen, weil es dieses Dinge einfach nicht gibt.

  • Es gibt nichts Dinghaftes, nirgends, und damit auch keinen festen Halt und keine Möglichkeit, dass meine Erwartungen immer erfüllt werden.
  • Es gibt nichts von Dauer, nirgends, und damit auch nichts, worauf ich mich verlassen kann.
  • Die Möglichkeit immer glücklich zu sein gibt es genauso wenig wie ein Einhorn auf dem Mond.

 

Das alles hatte ich klar gesehen – und trotzdem setzte nach einigen Monaten tiefen Friedens wieder diese quälende Suche ein, sie suchte danach, dass ich mich immer gut fühlte.

Es war vollkommen absurd. Es war so klar, dass das nicht möglich war, trotzdem suchte etwas in mir wie ein wildes Tier nach Futter. Die Tendenzen sind unglaublich stark und sie müssen sich wie ein Feuer erst vollständig verzehren, bevor wirklich Ruhe einkehrt.

Wenn die Brücke zum ersten Ich-Dünken nicht durch die bisherige Untersuchung der Fesseln abgebrochen gewesen wären, hätte die Fesselung wieder von vorn begonnen.

 

Die Kettenreaktion der Fesselung

Es gibt keine Chance, von der Ich-Illusion verschont zu bleiben, die Tendenzen sind einfach zu stark.

 

–> 8. Fessel

Weil trotz der unermüdlichen Suche nichts zu finden ist, wird schließlich einfach etwas erfunden – das Ich-Dünken, das erste subtile Gefühl von „Ich bin“ oder „Ich existiere“. Endlich etwas, was Sicherheit zu bieten scheint, ein „fester Grund“, ein Halt. Und danach kommen alle weiteren Fesseln hinzu, sie unterstützen das zarte Ich-Dünken.

 

–> 7. Fessel

Zunächst wird das Ich-Dünken mit der angenommen Fähigkeit der Wahrnehmung ausgestattet. Nun scheint es so, als ob alles in einer Welt außerhalb von uns selbst existiert, dinghaft und dauerhaft ist. Raum, Zeit und Bewusstsein treten in Erscheinung.

 

–> 6. Fessel

Durch die Annahme eines Subjekts treten Formen in Erscheinung, alles scheint feste Grenzen zu haben, alles, was wir erleben, ist durch Grenzen voneinander getrennt und wir erscheinen durch unsere eigene Grenze von allem anderen getrennt.

 

–> 5. und 4 Fessel

Wir wollen diese Objekte oder wir wollen sie nicht und stoßen sie weg.

 

–> 3. Fessel

Da wir immer noch nicht dauerhaft glücklich sind, fangen wir an, überirdische Mächte in Ritualen um Beistand zu bitten.

 

–> 2. Fessel

Trotzdem gehen nicht alle unsere Wünsche in Erfüllung und wir zweifeln.

 

–> 1. Fessel

Und zum Schluß wird mit der Ich-Illusion ein getrenntes Ich in uns selbst angenommen, dass nun endlich unsere Geschicke in der Hand zu haben scheint und dafür sorgen soll, dass wir uns immer gut fühlen, sicher sind und wissen, was geschehen wird.

 

Kennst du das auch?

Ich kann mir vorstellen, dass du diese Unruhe auch spürst. Was vermisst du am meisten? Dass es dir immer gut geht? Dass du dich auf etwas verlassen kannst? Dass du weißt, was geschehen wird oder einen sicheren Halt hast?

Schreibe es in einem Kommentar.

Diese Frage wurde mir von einem Mitglied meiner Facebook Gruppe  “In diesem Leben erwachen” gestellt. Hast du auch eine Frage? Komme in die Gruppe. In bin jeden Tag dort und antworte dir gern.

 

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2 Gedanken zu „Warum wir nicht von der Ich-Illusion verschont geblieben sind

  1. Vielen Dank für die spannende Beantwortung meiner Frage. Deine Ausführungen und meine Ausgangsfrage erinnern mich jetzt plötzlich an die Schöpfungsgeschichte der Bibel, die Genesis, und an die Beschreibung, wie und warum wir aus dem Paradies der Einheit vertrieben wurden. Die Erkenntnis von Gut und Böse war es dort, die die Unschuld und die Einheit im Paradies beendet hat. So entstand in dieser mythischen Schrift das Sterben. Damit wir nicht auch noch vom Baum des Lebens essen und wieder unsterblich werden, wurden wir aus der Einheit vertrieben. Durch dieses Ur-teil entstanden Gut und Böse, die Welt zerfiel in Teile, womit wohl auch Materie und Geist gemeint sind. Und damit sind wir auf die Erde verdammt worden. Die Rückkehr ins Paradies wird von einem Engel mit dem Flammenschwert verhindert, womit wohl unser Leiden auf Erden, von dem Du auch so wunderbar schreibst, gemeint ist. Wir müssen also am Leiden vorbei bzw mitten durch dieses hindurch, um zur Unsterblichkeit und um zum Paradies zurück zu finden. Das klingt sehr ähnlich wie die Fesseln, von denen Du so sachkundig erzählst. Das Auflösen der Fesseln scheint mir der buddhistische Weg zu sein, um vom Leiden der Ich-Illusion wieder frei zu kommen. Ich finde es immer spannend, wenn Religionen sich begegnen. Denn alle meinen wohl Dasselbe: die Rückkehr zur Einheit durch Auflösung der Ur-Teile. Vielen Dank für Deine Mühen!

  2. Lieber Harald,

    ja, der buddhistische Weg durch die Fesseln erinnert wirklich an den biblischen Weg. Ich bin immer etwas vorsichtig damit zu sagen, er ist gleich, weil ich den christlich-mystischen Weg nicht gegangen bin und nicht wirklich weiß, ob er zu derselben Erkenntnis führt.

    Aber ganz sicher sagt mir der Frieden, der höher als alle Vernunft ist, etwas. :-)

    Liebe Grüße,
    Christiane

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