Im Buddhismus geht es nur um das Eine

Ich weiß etwas über dich!

Du bist nicht vollkommen zufrieden. Du hättest gerne etwas, was du nicht hast. Du würdest gern etwas loswerden, was du hast. Bisher hast du noch keine endgültige Lösung dafür gefunden.

Und damit bist du hier genau richtig. Denn im Buddhismus geht es nur um ein einziges Thema: 

Die Unzufriedenheit und die Aufhebung der Unzufriedenheit (Dukkha)

Was heißt “Unzufriedenheit” in diesem Zusammenhang eigentlich? Das ursprüngliche Wort dafür ist auf Pali dukkha. Dukkha heißt wörtlich: schwer auszuhalten, schwer zu ertragen, unzulänglich, nicht endgültig zufriedenstellend, Leiden.

Das Wort dukkha bedeutet also jede Form von Unzulänglichkeit.

Vom dukkha und seiner Aufhebung handelt die gesamte buddhistische Lehre. Es geht um nichts anderes. Daran erkennst du sie, an diesem “Geschmack der Erlösung”.

Ín der allerersten Lehrrede, die der Buddha hielt, ging es um die Vier Edlen Wahrheiten. Sie machen die Essenz seiner Erleuchtung aus, die er kurz vorher erlebt hatte. Du könntest mit dieser einen Lehrrede als Anleitung auskommen und bis zur Erleuchtung gelangen.

Meistens wird dukkha mit dem deutschen Wort “Leiden” übersetzt. Ich werde in der Erklärung der Vier Edlen Wahrheiten das Wort dukkha für alle Arten von Unzulänglichkeit verwenden, weil es viel mehr Schattierungen hat als das Wort Leiden.

 

1. Die Erste Edle Wahrheit vom Leiden

Da ist Leiden (Dukkha )

Dukkha fühlen wir, wenn wir enttäuscht, unzufrieden, frustriert oder aufgeregt sind, uns unbehaglich fühlen, wenn wir traurig oder verzweifelt sind, wenn wir leiden.

Du kennst dukkha ganz sicher. Was hat dich mit dem Buddhismus in Berührung gebracht? Ich vermute, dass du nicht vollkommen zufrieden bist und eine Lösung dafür suchst.

Vielleicht leidest du gerade körperlich oder seelisch, und möchtest, dass das aufhört.  Bestimmt warst du schon unzufrieden, traurig, wolltest etwas haben, was du nicht hattest oder wolltest etwas nicht haben, was du hattest.

Selbst wenn du glücklich warst, war darin der Keim von dukkha enthalten, denn das Glück würde ja nicht ewig anhalten. Und dadurch ist auch jede Form von Glück, die wir kennen, unzulänglich. Es bleibt nichts so wie es ist, alles verändert sich, dadurch kann es nicht letztendlich zufriedenstellend sein.

Wenn ich darauf achte, merke ich, wie mein Geist mir ununterbrochen Vorschläge macht. Ich könnte etwas trinken, essen, Musik an- oder ausmachen, telefonieren, ins Internet gehen, ausgehen…die Liste ist endlos.

Auch wenn ich nicht sagen würde, dass ich leide, muss eine diskrete nagende Unzufriedenheit in mir sein, sonst kämen ja nicht ununterbrochen diese Verbesserungsvorschläge.

Beobachte dich mal eine halbe Stunde lang. Wie ist das bei dir?

 

2. Die Zweite Edle Wahrheit vom Ursprung des Leidens (Dukkha )

Woher kommt diese dauernde Unzufriedenheit, das Leiden?

Wir sind durstig und können diesen Durst nicht stillen (pali Tanha). Dauernd sehnen wir uns nach etwas, manchmal stärker, manchmal schwächer. Ich empfinde es so wie Ebbe und Flut. Mal sind die Wünsche schwächer und treiben mich nicht so, dann werden sie stärker, und manchmal kommt es regelrecht zu einer Springflut, die alles andere hinwegspült.

Worauf habe ich Durst?

  • Durst nach angenehmen sinnlichen Erfahrungen (unsere Gedanken zählen als sechster Sinn mit)
  • Durst, etwas oder jemand zu sein oder zu haben und werden zu wollen
  • Durst, etwas nicht zu sein, haben oder werden zu wollen.

Die klassischen Ausdrücke dafür kennst du vermutlich: Gier und Hass, von der zartesten Andeutung bis zum vollentbrannten Durst, der Menschen so überschwemmen kann, dass sie töten, um das zu bekommen oder loszuwerden, was sie wollen.

Dieser Durst ist auch die Energie, die sich nach dem Tod des Körpers immer wieder eine neue Form sucht, aktuell bei mir einen menschlichen Körper, der seine Wünsche befriedigen kann.

 

3. Die Dritte Edle Wahrheit vom Erlöschen von Dukkha

Das Pali-Wort dafür ist dukkha-nirodha: Erlöschen von Dukkha. Dukkha endet, wenn der Durst erlischt.

Der Buddha hat nach seiner Erleuchtung 45 Jahre lang ausschließlich darüber gesprochen, wie dieser Durst endgültig gestillt werden kann.

Wie du sicher schon gemerkt hast, hilft es nichts, die auftretenden Wünsche zu befriedigen. Dann ist zwar kurz der Durst gelöscht, aber wenig später tauchen schon die nächsten Wünsche auf.

 

Was lange sehnlichst du erwünscht, ward schließlich dir beschieden.

Du triumphierst und jubelst laut, jetzt endlich hab’ ich Frieden.

Ach Freundchen, rede nicht so wild, bezähme deine Zunge,

ein jeder Wunsch, wenn er erfüllt, kriegt augenblicklich Junge.

(Wilhelm Busch)

 

Wenn der Durst endgültig überwunden ist, ist Nibbana (Nirvana), die Erleuchtung erreicht, dann sind wir am Ziel.

Häufig wird gesagt, Buddhismus sei eine Religion des Leidens, aber das Gegenteil ist richtig. Das Ziel des buddhistischen Weges ist es, Dukkha, Leiden und alles Unzulängliche endgültig zu beenden.

Wie das geht, zeigt

 

4. Die Vierte Edle Wahrheit vom Weg, der zum Erlöschen von Dukkha führt

Wie löscht man denn nun den Durst?

Der Buddha hat in den 45 Jahren nach seiner Erwachung über nichts anderes gesprochen als darüber, wie dieser Durst endgültig gelöscht werden kann. Der gesamte Weg vom Anfang bis zum Ziel ist im Edlen Achtfache Pfad zusammengefasst. Ich werde ihn in einem eigenen Artikel in seinen Einzelheiten betrachten.

 

Der Edle Achtfache Pfad
  1. Rechte Anschauung (damit haben wir uns gerade befasst, nämlich zu wissen, worum es im Buddhismus eigentlich geht)
  2. Rechte Zielsetzung
  3. Rechte Rede
  4. Rechtes Handeln
  5. Rechter Lebenserwerb
  6. Rechtes Bemühen
  7. Rechte Geistesgegenwart
  8. Rechte Sammlung

Das Wichtigste bei diesem Weg ist: Es kommt auf dich an. Nur du kannst diesen Weg für dich gehen.

Und du kannst diesen Weg gehen.

Mal wirst du dich mit einem Aspekt des Weges befassen , dann wieder mit einem anderen. Der Weg ist keine Treppe, an deren Ende das Ziel ist, sondern eher wie eine achtspurige Autobahn. Mal fährst du in der einen Spur, mal in der rechts oder links daneben und ein anderes Mal holst du weit aus und überkreuzt mehrere Spuren, bis du ganz außen oder innen landest. Wo du eben gerade am besten voran kommst. Gute Fahrt!

 

Welche Form von dukkha beschäftigt dich zur Zeit? Auf welcher Spur des Pfades bewegst du dich gerade? Mach mit und schreibe einen Kommentar.

Und wenn dir der Artikel gefallen hat, klicke “gefällt mir” und teile ihn. Du hast auch die Möglichkeit, den Newsletter zu abonnieren. Dann erhältst du automatisch eine email, wenn ein neuer Blogpost erschienen ist.

Quellen:

Die erste Lehrrede des Buddha kannst du hier nachlesen.

Deutsche Übersetzung der Pali-Begriffe: Kernholz des Bodhibaumes von Buddhadasa Bhikkhu, Buddhistische Gesellschaft München e.V. Deutsche Übersetzung Manfred Wiesberger

Bild: Stockfoto-ID: 60128096 Bigstockphotos Copyright: iqoncept

7 Gedanken zu „Im Buddhismus geht es nur um das Eine

  1. Ja, du hast recht, dass es immer wieder Unzufriedenheit oder Leiden unter einer Situation war, die dazu geführt hat, dass ich mich ein weiteres Mal etwas näher mit dem Buddhismus beschäftigt habe. Es ist die einzige Religion, mit der ich überhaupt etwas anfangen kann. Ich glaube zwar nicht, dass ich jemals Buddhistin werde, aber deinen Blog werde ich sicherlich weiter aufmerksam lesen. Man lernt immer etwas bzw nimmt etwas mit für sein Leben, denke ich.

  2. Liebe Nuria,
    ja, diese Unzufriedenheit ist einfach in uns allen, sonst wären wir vermutlich gar nicht hier.
    Ich finde es gut, dass du dich dem Buddhismus so vorsichtig näherst. Das Gute ist ja, dass der Buddhismus keinen Glauben verlangt. Du kannst alles selber testen.

    Wie wäre es, wenn du nächste Woche einmal darauf achtest, wodurch Unzufriedenheit ausgelöst wird? Und es dann einfach zur Kenntnis nimmst, ohne das Gefühl zu vergrößern und zu verkleinern.

    Also – worauf hast du Durst?

    Ich werde noch ganz viel darüber schreiben, wie dieser Durst gestillt werden kann.

    Herzliche Grüße, Christiane

  3. Glückwunsch zu diesem Blog!

    Für mich bedeutet “Befreiung” folgendes: die Dinge sind einfach so wie sie sind. Wenn die Dinge so sein dürfen, wie sie sind, wenn sie kommen und gehen dürfen, wie sie wollen, ohne das “ich” etwas ganz anderes haben will, ohne “ich” es verändern, ablehnen oder wegschieben will, herrscht Friede.
    Wenn Traurigkeit, Wut, Zorn, Ablehnung usw. das ist was jetzt da ist, dann kommt der Verstand daher uns sagt ja aber….
    Eine dauerhafte “Glückseligkeit” ist nur eine schöne “Wunsch-Vorstellung” im Verstand.
    Von daher spielt es auch keine Rolle ob eine Ich-Vorstellung vorherrscht oder nicht. Die Ich-Vorstellung ist nicht “besser oder schlechter”, sondern einfach nur das, was jetzt da.

    LG
    Alex

  4. Lieber Alexander,

    herzlichen Dank für deinen Beitrag. Es ist auf jeden Fall auch eine Form der Befreiung, alles einfach so hinzunehmen wie es ist. Und ja, die Ich-Vorstellung ist das, was jetzt da ist. Die Kategorien besser oder schlechter passen überhaupt nicht für diese Erfahrung.

    Trotzdem ist es wichtig, die Ich-Illusion zu durchschauen, denn mit diesem Schritt wird ein neuer Weg begangen, was in dem Augenblick völlig klar wird. Es entsteht eine andere Sichtweise, wenn in der eigenen Erfahrung gesehen wird: Da ist überhaupt kein Ich, was etwas akzeptieren, ablehnen oder verändern könnte.

    Und damit ist der Weg frei, auch die weiteren Fesseln allmählich abzulösen, der Weg zum Nibbana ist eröffnet.

    Und die dauerhafte Glückseligkeit ist in der Tat eine Karotte, die vielen Suchern vor der Nase baumelt. Ich bekomme Briefe, in denen darauf bestanden wird, dass doch dann die endgültige Verzückung immer da sein müsste.

    Was soll ich sagen? Ich habe das auch mal gedacht, da ich vorher Satoris erfahren habe. Inzwischen kann ich nicht mehr zählen, wie oft ich zu meinem Begleiter gesagt habe: Ich habe das Gefühl, das ist ein Ausnüchterungsprogramm!

    Liebe Grüße,
    Christiane

Kommentare sind geschlossen.