Rettungsanker Achtsamkeit

Rettungsanker Achtsamkeit

Wann ist eigentlich eine gute Gelegenheit zur Achtsamkeit? Wenn gerade alles schief geht! Unsanft geweckt kannst du leicht zur Achtsamkeit finden.

Achtsamkeit adieu

Letzte Woche musste ich die Insel Helgoland verlassen und nach Hamburg fahren. Eine Wochenendprobe und ein Konzert standen in meinem Kalender. Zunächst hieß es erst einmal, einen Tag zu finden, an dem das Schiff auch sicher fahren würde. Die Windvorhersage wurde zur wichtigsten Webseite und schließlich fand sich ein Tag zwischen den Stürmen, an dem die See relativ ruhig sein würde. Auch wenn ich ziemlich seefest bin, komme ich doch an meine Grenzen damit, wenn die anderen um mich herum seekrank sind und… naja, ihr könnt es euch vorstellen.

 

Reisevorbereitung en passant

Da ich nur sehr wenig mitnahm, packte ich meine Sachen ohne besondere Achtsamkeit ein. Bratsche, Notenständer, Noten, mein kleines Rucksackbüro und einen Outfit zum Wechseln, Handtasche, fertig.

 

 Unsanftes Erwachen an Bord

Ich hatte mir überlegt, auf der Fahrt an meiner Buchübersetzung zu arbeiten. Also suchte ich mir einen ruhigen Platz bei einem anderen Laptop-Arbeiter, wir lächelten uns kurz an und dann versanken wir in unserer Arbeit.

Nach etwa einer Stunde hörte ich auf. Die Fahrt würde noch 1 1/2 Stunden dauern. Also dachte ich mir, ich könnte meine Daten mal wieder auf meinem USB-Stick sichern. Ich holte den Stick aus dem Geheimfach meiner Handtasche, und bis er sich öffnete, suchte ich schon mal auf dem Laptop meinen Ordner raus zum Kopieren.

Dann waren beide Fenster nebeneinander geöffnet und ich konnte loslegen. Der Stick war schon ziemlich voll, also löschte ich erstmal den betreffenden Ordner. Dann wollte ich ihn aus meiner Laptop-Datei rüberziehen – und er war weg. Einfach weg! Wie konnte das denn sein? Als ich genau hinsah entdeckte ich, dass ich die Datei aus dem Laptop gelöscht hatte. Oh nein! Aber ist ja nicht so schlimm, sie konnte ja nur im Papierkorb sein. Aber da war sie nicht ?! Was war hier los?? Die Panik kroch in mir hoch. Ich hatte gerade meine gesamte Buchhaltung für 2015 angelegt und wollte das alles ganz sicher nicht noch einmal machen. Auch hatte ich viele wichtige Infos für meinen Blog neu darin aufgenommen.

Als nächstes probierte ich die Wiederherstellung über den Wiederherstellungszeitpunkt. Aber oh Jammer, beim Einbau einer neuen Festplatte in einer Werkstatt war dieser Punkt für die abgeteilte Festplatte mit meinen Daten nicht aktiviert worden. Das durfte doch alles nicht wahr sein! Ich ging in eine Datei „Datensicherung“, die mir die Werkstatt damals angelegt hatte, obwohl ich mir nicht vorstellen konnte, wie mein Ordner dorthin gelangt sein könnte. Natürlich war er auch dort nicht. Ich tröstete mich, dass man sogar gezielt gelöschte Dateien irgendwo wiederfinden kann, also könnte es meine Werkstatt bestimmt auch.

Aber dann entdeckte ich etwas: Als ich den Papierkorb der Datensicherung durchforstete, fiel mir auf, dass er neuerdings nach Alphabet sortiert war. Flugs ging ich wieder zurück zu meinem aktuellen Papierkorb und fand dort auch die gelöschte Datei, schön alphabetisch einsortiert. Puh! Das war gelöst. Schnell sichern, bevor wieder irgendetwas geschah.

 

Was schief gehen kann, geht schief

Dann entspannte ich mich ein wenig und meine Gedanken wanderten voraus. Ich sah mich in Hamburg ankommen, meinen Schlüssel aus der Handtasche nehmen…meinen Schlüssel aus der Handtasche nehmen?! Oh je, hatte ich den überhaupt dabei?

Ich durchsuchte alle Fächer der Handtasche, aber er war nicht da. Dunkel erinnerte ich mich, dass ich die Schlüssel aus ihrem gewohnten Fach genommen hatte, als ich auf auf Fotosafari bei den Robben war. Ich hatte Angst gehabt, sie im Sand zu verlieren. Was hatte ich mit dem Schlüssel dann gemacht? Heute ging aber auch alles schief, was schief gehen konnte.

Sobald das Schiff nah genug am Festland war, dass ich ein Netz hatte, rief ich auf Helgoland an. Meine Freundin versprach, beim Nachbarn, der einen Schlüssel hatte, anzurufen. Ich versuchte es auch, aber ohne Erfolg. Er war nicht da.

Inzwischen war ich innerlich völlig in Aufruhr. Noch jetzt, während ich darüber schreibe, werde ich ganz hektisch. Ich hatte das Gefühl, vor eine Wand gelaufen zu sein.

 

Meine Rettung: Achtsamkeit

Die geplante Zukunft löste sich ganz ungeplant auf, in die Vergangenheit konnte ich nicht zurück, um etwas korrigieren. Das Einzige, was mir blieb, war die Gegenwart.

Ich stellte mir die Frage, die mich schon so oft in die Gegenwart gebracht hat und dabei manchmal der Zugang zu unerwarteten Erkenntnissen war : „Ok, was ist jetzt in diesem Augenblick“.

 

Achtsamkeit auf den Körper, Gedanken, Gefühle, Umgebung

Ich wurde mir meiner Selbst und der Situation wieder bewusst. Da ich systematisches Vorgehen liebe, ging ich eins nach dem anderen durch:

Körperlich:

Ich saß auf einem Schiff, es war warm, es gab etwas zu trinken und zu essen.  Das Schiff lag ruhig wie ein Zug auf dem Wasser, es war leise in meinem Passagierraum, eine sehr angenehme Überfahrt.

 Gefühle:

Wie fühlte ich mich? Panisch und hektisch waren schon die passenden Worte dafür. Und es war mir auch peinlich, wie schnell ich durcheinander geriet.

Gedanken

Mein Geist rechnete hastig alle Möglichkeiten durch, die ich in Hamburg hatte. Wegen der Proben war es nötig, nach Hamburg zu kommen. Das sollte auch kein Problem sein, wir waren pünktlich, den Zug würde ich bekommen. Ich hatte alles dabei, was ich für diese Zeit brauchte bis auf die Konzertkleidung. Das war mal ein beruhigender Gedanke!

Und in Hamburg? Würde der Nachbar da sein? Falls nicht, welches Hotel sollte ich wählen? Könnte ich den Schlüssel per Post nachgesendet bekommen? Würde überhaupt Post von der Insel abgehen? Bei Sturm nicht. Wie war nochmal die weitere Windvorhersage gewesen? Falls nicht, müsste ich mir schnell Konzertkleidung besorgen…es ratterte nur so in meinem Kopf.

Umgebung

Ich blickte aus dem Bullauge. Beim Einsteigen war ich ins Unterdeck gegangen, weil es dort meist ruhiger ist. Knapp unterhalb des Bullauges zogen die Wellen vorbei, blinkende Seetonnen tauchten auf und verschwanden. Was ich bisher überhaupt noch nicht bemerkt hatte: der Himmel war ganz klar geworden und färbte sich im Abendlicht fantastisch in Blau- und Rottönen.

Das ruhige Motorengeräusch des Schiffes, die stabile Lage auf dem Wasser, der unglaubliche Himmel – ich befand mich mitten auf einer traumhaften Überfahrt und ich hatte es noch nicht einmal mitbekommen!

 

Der gegenwärtige Augenblick ist vollkommen

Jetzt war ich ganz im gegenwärtigen Augenblick angekommen. Ich merkte, wie endlich Ruhe in mir einkehrte. Und das Verrückte war: Es gab nichts zu tun.

Dieses Gefühl kann ich schwer beschreiben. Wenn ich im gegenwärtigen Augenblick ankomme, ist alles richtig. Ich habe nichts in der Hand, und trotzdem: Es ist alles richtig. Es gibt nichts, was ich hinzufügen oder wegnehmen müsste. Alles in mir kommt zur Ruhe.

Dann brauche ich nichts zu kontrollieren. Ich weiß, es wird weiterhin alles richtig sein, auch wenn es anders ist als das, was ich eigentlich wollte.

Richtig nicht im Gegensatz zu falsch, sondern im Sinne von: „Es ist einfach.“

Ich fühle mich vollständig geborgen im Sein. Das klingt schrecklich esoterisch, aber genau so fühlt es sich an.

Und ich weiß, dass es immer so ist.

Ich nehme diese Ebene nur so oft nicht wahr, weil ich unachtsam bin und mein andauerndes Haben- und Nichthaben-Wollen die klare Wahrnehmung verschleiern.

Dieser Gefühlszustand ist nicht das endgültige Ziel meines Weges, aber er gibt mir einen Geschmack davon.

 

Achtsame Weiterreise

In dem Gefühl, vollkommen aufgehoben zu sein, reiste ich weiter. Am Kai fand ich ein Taxi, das noch nicht reserviert war und mich zum Bahnhof brachte. Der Zug stand bereits auf dem Gleis und ich stieg ein. Als erstes sah ich mich nach einer Steckdose um und fand eine, denn mein Laptopakku war inzwischen fast leer. Falls nötig, konnte ich mir ein Hotel suchen.

Ich hatte gerade mein Abendbrot ausgepackt, als mein Handy klingelte. Der Nachbar war nach Hause gekommen und ich konnte den Reserveschlüssel bei ihm abholen.

Alle Welten, die ich in meiner Fantasie aufgebaut hatte, sanken in sich zusammen. Als Tourist in Hamburg zu leben, im Hotel zu arbeiten und Bratsche zu üben. Durch Kaufhäuser zu laufen und einen Konzertoutfit zu suchen – ich kann Kaufhäuser nicht leiden. Was war mir nicht alles durch den Kopf gegangen.

Die Lichter blitzten am Zug vorbei und ich fragte mich, wieviele Welten wohl durch meine Unachtsamkeit entstehen und wieder untergehen.

 

Welche Erfahrung hast du mit Achtsamkeit und Unachtsamkeit gemacht? Erzähle davon in den Kommentaren.

4 Gedanken zu „Rettungsanker Achtsamkeit

  1. Toller Beitrag, Christiane! Eine echt spannende Schilderung und echt mitreißend… Das kennen wir wohl alle, diese Gedanken, die Schrecken. Wie oft zucke ich manchmal aus heiterem Himmel zusammen, weil ich glaube, irgendetwas wichtiges vergessen zu haben. Wie oft krame ich in meinem blöden Rucksack herum, der alle Dinge einfach verschluckt und erst nach Minuten wieder ausspukt. Wie oft frage ich mich, ob ich die Tür wirklich abgeschlossen, den Herd ausgemacht oder den Fahrradschlüssel mitgenommen habe. Einfach weil ich in dem Moment, wo ich es tat, mit meinen Gedanken ganz woanders war. Mir hilft es, wenn ich merke, dass ich überhaupt nicht bei der Sache bin, tief durchzuatmen. Innezuhalten. In den Himmel zu gucken und meine Füße in den Boden zu drücken. Einfach einen Moment nur so dastehen. Bis sich alles wieder beruhigt hat. Und um noch mal meine Oma zu zitieren: Sich Sorgen machen, ist wie Zinsen zu zahlen für Geld, dass man sich noch gar nicht geliehen hat. – Vielleicht sollte ich mal einen Blog starten in der Nische: Was würde Oma sagen ;)

    Ich freue mich schon auf deinen nächsten Artikel. Die letzen beiden habe ich noch gar nicht gelesen. Mach ich noch. In den letzten Tagen hatte ich irgendwie nicht die… keine Ahnung, was da eigentlich zwischen gekommen ist!

    Schön, dass es dich gibt
    deineSteffi

  2. Liebe Steffi,
    tausend Dank für deine lieben Zeilen <3. Ja, Unachtsamkeit ist echt eine Crux. Sie hat mich noch am Abend der Reise wieder eingeholt. In der S-Bahn war eine Kartenkontrolle und ich musste meinen Ausweis vorzeigen, weil ich eine Internetticket hatte. Jetzt weiß ich nicht, ob ich ihn nicht zurückbekommen oder selbst versust habe...jedenfalls ist er weg. Als ich eine Woche später ein Paket abholen wollte, konnte ich mich nicht ausweisen. Da habe ich es erst gemerkt. Achtsamkeit ist eine sehr flüchtige Sache :-).
    Die Idee mit "Was würde Oma sagen" finde ich genial. Du hattest aber auch eine kluge Oma!

    Liebe Grüße,
    Christiane

  3. Hallo Christiane!

    Mir passieren zwar zum Glück selten solche Sachen, aber wenn, dann reagiere ich genauso panisch wie du und male mir die schlimmsten Sachen aus – und in 99% aller Fälle wendet sich alles zum Guten und die Verrücktmacherei war völlig unnötig. Es wäre schon schön, wenn wir es öfter schaffen würden, uns ganz auf den Moment zu konzentrieren, in dem wir gerade leben, aber dieses mit einem Bein in der Vergangenheit und mit dem anderen in der Zukunft ist wohl typischer für uns Menschen.

    Liebe Grüße,
    Daniela

  4. Liebe Daniela,
    damit hast du wirklich den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich habe mal in einem Ashram gelebt, da hatten wir den Schnack „Ganz verkrampft im Gestern und Übermorgen“.

    Liebe Grüße, Christiane

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