Die zehn Fesseln

Die zehn Fesseln

Die gute Nachricht zuerst. Diese zehn Fesseln können gelöst werden. Du bist in der Lage die Schichten des Selbst selbst zu durchschauen. Du brauchst nur genau hinzuschauen.

Die zehn Fesseln entstanden, weil die Wirklichkeit zu schmerzhaft erschien. Die Wirklichkeit ist, dass alles vergänglich ist, nichts auf Dauer befriedigend und dass es nirgends etwas gibt, was einen dauerhaften Kern hat.

Wir werden die Fesseln in der umgekehrten Reihenfolge betrachten, von der 10. bis zur 1. Fessel.  In dieser Reihenfolge wurde die Wirklichkeit durch immer mehr Fesseln, immer mehr Schleier verhüllt und schließlich sah es so aus, als sei eine Befreiung unmöglich.

Diese zehn Fesseln existieren nicht wirklich. Du kannst sie nicht anfassen. Sie sind ein gedankliches Konstrukt, das hilft zu verstehen, wie es zu dem Ich-Gefühl kommt.

Meiner Erfahrung nach können diese zehn Fesseln direkt erfahren werden. Das Problem dabei ist: Ich kannte die Theorie. Es ist möglich, dass ich gewissermaßen die Eier gefunden habe, die ich selbst versteckt hatte.

Trotzdem vermittelt das Konzept der zehn Fesseln eine gute Vorstellung davon, woraus die Schichten des Selbst bestehen und wie dicht schließlich die Selbstillusion gewebt ist. Und es zeigt einen gangbaren Weg aus dieser Verwirrung.

 

Die zehn Fesseln
Der Ausgangspunkt

Tatsache ist, dass alles vergänglich, auf Dauer unbefriedigend ist und keinen unvergänglichen Kern hat.

 

10. Fessel: Nichtwissen (Avijja)

Nun sind wir Menschen aber so gestrickt, dass wir glauben, Dauerhaftigkeit, Befriedigung und etwas Unvergängliches, Substanzielles zu finden wäre eine realistische Erwartung.

Damit beginnt die Fesselung. Wir decken das, was wir eigentlich wissen, mit einem Schleier des Nichtwissens zu. Man könnte auch sagen, wir tun so, als ob wir nicht wüssten oder wissen könnten, dass alles unbefriedigend, vergänglich und ohne Kern ist.

Der Buddha spricht vom Nichtwissenstrieb, dem Wunsch nicht zu wissen.

 

9. Unruhe (uddhacca)

Es entsteht eine enorme innere Unruhe. Alles, was wahrgenommen werden kann, ist vergänglich. Rastlos sucht der Geist nach etwas, was von Dauer ist. Etwas, worauf er sich niederlassen kann.

Und da er nichts Stabiles finden kann in der Welt, er-findet er etwas Dauerhaftes.

 

8. Ich-Dünken (mano), Ich-bin-Empfinden (asmi-mano)

In seiner Not erfindet der Geist das Ich. Er erschafft das Gefühl „Ich bin“.

Nun beginnt die Entwicklung eines Selbst, das uns schließlich so selbstverständlich erscheint. Wir setzen voraus, dass es existiert.

Alle weiteren Fesseln verstärken dieses Gefühl eines Selbst.

 

7. Begehren nach Formfreiheit (arupa-raga)

Das Gefühl „ICH nehme wahr“ taucht auf, Raum, Bewusstsein und Zeit entstehen.

Es entsteht der Wunsch, etwas Schönes wahrzunehmen wie schöne Bewusstseinszustände.

 

6. Begehren nach Form (rupa-raga)

„Ich nehme wahr“ wird zu „Ich, ein Subjekt, eine Form, nehme eine Form außerhalb von mir wahr, ein Objekt“.

Mit dem Wahrnehmen von Objekten, von Formen, entsteht der Wunsch nach diesen Objekten.

 

5. Übelwollen, Geh weg! (vyapada)
4. Sinnenlust (kamacchanda)

Die 5. und 4. Fessel sind zwei Seiten einer Medaille. Die empfundenen Objekte triggern unser Begehren und unsere Ablehnung. Wir mögen etwas und wollen es haben oder wir mögen etwas nicht und lehnen es ab.

„Ich will“ und „Ich will nicht“ verstärken das erfundene Ich weiter.

 

3. Hängen an Regeln und Riten (silabbata-paramaso)

Durch das Habenwollen und Ablehnen entstehen zahlreiche Konflikte mit anderen Menschen. Aber auch die Frage, warum manche haben, was ich nicht habe.

Der Glauben, mit Regeln oder Riten das eigene Schicksal günstig beeinflussen zu können entsteht.

 

2. Daseinssorgen und Zweifel (vicikiccha)

Dieses Ich fühlt sich in der Welt höchst gefährdet. Das ist auch verständlich, denn es ist eine Illusion und muss ständig aufrechterhalten werden, sonst löst sich die Illusion auf.

Die Sorgen und Zweifel sind eine weitere Möglichkeit, das Ich aufrechtzuerhalten. Was bedroht ist, muss schließlich da sein.

Wie kann es Sicherheit finden? Religionen und Wissenschaft bieten Erklärungsmodelle und Wege zur Sicherheit an. Aber welche Information ist auch wirklich wahr?

 

1. Persönlichkeitsglaube (sakkaya-ditthi); die Ansicht, diese Zusammenhäufung sei wirklich und von Dauer (sat-kaya-ditthi)

Wir glauben, wir seien eine getrennte Persönlichkeit mit einer ewigen Seele. Mit Wünsche und Abneigungen und einem Ich, das die Kontrolle über unser Leben hat.

Jedesmal, wenn wir mit den Tatsachen konfrontiert werden, sind wir erschüttert. Wir verlieren einen Menschen, an dem wir sehr hängen – wir sind verzweifelt. Wir haben geglaubt, wir könnten ihn niemals verlieren.

Die Firma strukturiert um, wir verlieren den Arbeitsplatz – wir hatten geglaubt, wir könnten bis zur Rente hier bleiben.

Es erfordert ziemlich viel Kraft, immer wieder die Wirklichkeit zu leugnen.  Und wir schaffen es immer wieder wegzugucken.

Wenn der erste Schritt getan ist und und durchschaut wurde, dass es dieses Ich, dieses Selbst gar nicht gibt, tritt eine große Erleichterung ein. Es gibt gar kein Selbst, dessen Illusion die ganze Zeit aufrechterhalten werden muss. Wir müssen nicht so tun, als hätten wir die Dinge in der Hand. Wir müssen uns nicht vormachen, es gebe den dauernden Wandel, das dauernde Entstehen und Vergehen nicht. Die Dinge sind einfach so wie sie sind. Wir können uns entspannen.

Es ist das große Aufatmen.

 

Das Lösen der Fesseln

Die Fesseln werden in umgekehrter Reihenfolge wieder aufgelöst.

 

Lösen der 1. Fessel – Glaube an ein Ich, eine Persönlichkeit

Die erste der zehn Fesseln zu lösen ist die größte Hürde.

 

Die Angst das Ich zu verlieren

Viele haben Angst vernichtet zu werden. Bleibt überhaupt noch etwas übrig, wenn das Ich nicht mehr da ist? Kann man ohne ich leben? Werden wir all unsere Fähigkeiten verlieren? Hängen sie nicht alle von dem Ich ab? Werden wir noch lieben ohne Ich? Werden wir überhaupt noch Gefühle haben? Oder gehen wir dann als Untote durch die Welt?

Nichts ist weiter von der Wirklichkeit entfernt. Das Ich ist bereits jetzt, in diesem Augenblick, in dem du diese Worte liest, eine Illusion. Deshalb wird dieser erste Schritt im Zen das Torlose Tor genannt.

Von der Seite des Ichs sieht es aus wie ein Tor mit komplizierten Schlössern und Riegeln, fast unmöglich zu öffnen.

Bist du durch dieses Tor hindurchgeschritten, ist augenblicklich klar: Dieses Tor hat es nie gegeben. Es war eine Einbildung. Es hat niemals ein Selbst gegeben.

 

Das Lösen der 1. Fessel und der Stromeintritt

Eigentlich ist es ziemlich einfach, die erste Fessel zu lösen. Das weißt du aber erst hinterher.

Du untersuchst dabei, ob du Beweise für die Annahme findest, dass ein Ich existiert. Die Methode nennt sich Direct Pointing und wurde zuerst von Ciaran Healey entwickelt und später durch viele Guides verfeinert. Jetzt verwenden die ehrenamtlichen Guides im Forum von Ilona Ciunaite und Elena Nezhinsky diese Methode.

Alles, was wahrgenommen werden kann, wird untersucht. Sehen, hören, berühren, riechen, schmecken, denken. Irgendwann wird dir klar: das Ich kann einfach nicht gefunden werden. Dein ganzes Wesen erfasst die Wirklichkeit: es gibt kein Ich.

Du weisst, wenn die Fessel gelöst hast. Niemand braucht es dir zu sagen. Es ist so klar wie die Tatsache, dass es tagsüber hell ist und nachts dunkel. Gleichzeitig realisierst du auch, dass die 2. und 3. Fesseln gelöst sind. Es ist keine Frage, ob es stimmt, was der Buddha sagt. Und auch andere Sorgen und Zweifel verschwinden.

Und die Vorstellung, die Befreiung durch das Einhalten von Regeln und Riten erreichen zu können, erscheint einfach absurd.

Damit ist der wichtigste Schritt geschafft, du bist in den Strom eingetreten. Alle weiteren Fesseln werden sich nach und nach auflösen. Wenn du aktiv etwas dazu beiträgst geht es schneller. Der Buddha sagt, dass du jetzt „selbstgängig“ bist und auch ohne weitere Anleitung zum vollen Erwachen gelangen wirst. Dafür wirst du der Lehre entsprechend noch maximal 7 Leben brauchen und nicht mehr unter die menschliche Ebene absinken.

Während ich dies schreibe, ist mir klar, das ist die Lehre. Trotzdem sind es einfach Worte und Worte können die Wirklichkeit nicht beschreiben.

Erlebe es selbst!

 

Schwächen und Lösen der Fesseln 4 und 5 – Begehren und Abneigung

Die Arbeit an den weiteren Fesseln geschieht durch Abwandlungen der Direct Pointing Methode, die bei der 1. Fessel verwendet wird. Satyadhana Kevin Schanilec hat diese Methode weiterentwickelt. Sie wurde bereits erfolgreich zum Abschwächen oder vollständigen Lösen dieser Fesseln von vielen Menschen verwendet.

Die nächste Station taucht auf dieser Reise immer spontan auf. Wenn die Arbeit an den Fesseln 4 und 5 in Sicht kommt, wird dir auffallen, wie sehr du von deinen Wünschen und Abneigungen hin- und hergeworfen wirst. Du reagierst ununterbrochen. Entweder du magst etwas und sorgst dafür, dass du mehr davon bekommst. Oder du magst es nicht und tust alles, um es loszuwerden und zu verhindern, dass es wiederkommt.

„Ich will das!“ – „Ich will das nicht!“ sind die nächsten Schichten des Selbst.

Du arbeitest dabei mit einer Situation, die ein echtes Problem für dich ist. Dein Leben würde sich sehr verbessern, wenn dieses Problem gelöst wäre. Diese Situation wird in einen treffenden Satz gefasst.

Und dann betrachtest du genau, was passiert, wenn du das nicht bekommst, was du möchtest. Da sind auf der einen der Satz und die unangenehmen Empfindungen, die dadurch ausgelöst werden. Auf der anderen Seite liegt die Reaktion.

Der Buddha spricht davon, dass Begehren oder Abneigung in der Lücke zwischen Situation und Reaktion auftreten und es dadurch zur Reaktion kommt.

Deine Aufgabe ist es, in dieser Lücke bei der Situation und den unangenehmen Empfindungen zu bleiben und nicht zu reagieren. Das wirst du schnell lernen. Und dann heißt es aufmerksam zu gucken, ob du Begehren oder Abneigung findest, in welcher Form auch immer. Wie wird die Lücke überbrückt zwischen Satz und unangenehmen Gefühlen auf der einen Seite und der Reaktion auf der anderen Seite. Du wirst den Zug zur Reaktion fühlen. Genau jetzt müsste der Wunsch oder die Ablehnung zu finden sein. Warum reagierst du? Was du findest, wird nicht verraten.

Im Verlauf der Übung wirst du im Leben schnell merken, dass deine Reaktionen auf die Ausgangssituation sich abschwächen. Es wird einen Zeitpunkt geben, wo ein subtiler Shift stattfindet, nicht so deutlich wie beim Erkennen der Ich-Illusion. Ein Shift ist ein Gefühl, als ob in einem kurzen Augenblick eine Art Neustart des Körper-Geistes erfolgt. Es ist sehr schwer zu beschreiben. Es kann sich auch so anfühlen, als ob man kurz zur Seite rückt.

Du wirst die Natur von Begehren und Abneigung erkennen.

Wieder wirst du eine große Erleichterung spüren, nicht mehr den Gezeiten deiner Wünsche und Abneigungen so vollständig ausgeliefert zu sein. Diese Fesseln sind so stark, dass es meistens nicht im ersten Anlauf gelingt, sie vollständig aufzulösen.

Wenn die Fesseln 4 und 5 entscheidend geschwächt sind, bist du nach den Worten des Buddha zum Einmalwiederkehrer geworden. Das heißt, du wirst nach einem weiteren Leben das volle Erwachen erreichen.

Hast du die Fesseln 4/5 vollständig aufgehoben, bist du Nichtwiederkehrer. Du wirst nicht mehr in der Formenwelt erscheinen, sondern aus der formfreien Welt direkt erlöschen.

Ehrlich gesagt spielt dieses Zählen der Restleben für mich keine Rolle. Mir ist es wichtig, die Wahrheit zu sehen.

 

Lösen der 6. Fessel – Begehren nach Form oder Subjekt-Objekt-Beziehung

Dieser Schritt kündigt sich dadurch an, dass du entweder deine Körpergrenzen sehr hart wahrnimmst wie eine Nussschale oder die Grenzen lösen sich auf. Beides sind recht unangenehme Gefühle und der Wunsch entsteht, aus diesem Empfinden herauszukommen. Das geht nur durch Auflösen dieser Fessel.

Um Formen zu begehren, muss ein Subjekt Formen in der Außenwelt wahrnehmen, Objekte sehen. Wie kommt es eigentlich, dass anscheinend Objekte wahrgenommen werden? Wo ist das Subjekt, dass diese Formen wahrnimmt? Wo ist die Grenze zwischen innen und außen?

Bereits beim Lösen der 1. Fessel wird klar, dass die Grenzen zwischen innen und außen Gedankenkonstrukte sind. Die 6. Fessel ist wesentlich subtiler als die vorhergehenden. Es kann geschehen, dass du deinen Körper nicht mehr wahrnimmst oder auch teilweise nicht wahrnimmst. Keine Panik! Du betrittst gerade den Bereich, wo „Berge nicht mehr Berge und Täler nicht mehr Täler sind“, wie es im Zen so treffend heißt.

Beim Lösen dieser Fessel wird klar, dass Subjekt und Objekt vom eigenen Geist erschaffen sind. Die Grenze ist verschwunden. Das heißt nicht, dass du mit allem eins bist. Es heißt auch nicht, dass du von allem getrennt bist. Diese beiden Denkkategorien treffen nicht zu.

 

Lösen der 7. Fessel – Begehren nach Formfreiheit oder glücklichen Zuständen

Beim Begehren nach glückseligen Bewusstseinszuständen steht im Mittelpunkt: Ich nehme Bewusstseinszustände wahr. „Ich nehme wahr“ ist eine noch subtilere Ebene der Ich-Illusion.

Auch hier gibt es Hinweise, dass diese Fessel zur Auflösung bereit ist. Das Selbstgefühl ist inzwischen nur noch ganz schwach vorhanden. Plötzlich erscheint es dir merkwürdig zu fühlen, „Ich nehme wahr“.

Du untersuchst, wo in dir diese Fähigkeit zur Wahrnehmung liegt. Wo fließen die Informationen? Dieser Ort ist nicht zu finden. Die Frage ist, wieso gehst du dann von der Vorstellung aus wahrzunehmen. Wieso kann ein Baum nicht einfach ein Baum sein? Wieso muss eine Fähigkeit als Vermittler dazwischen gesetzt werden? Ja, genau, es ist ein Schritt in der Erschaffung der Ich-Illusion.

Wenn diese Illusion durchschaut ist, sind auch Zeit und Raum verschwunden. Es wird erkannt, dass „Raum“ ebenfalls ein Gedankenkonstrukt ist genauso wie „Zeit“. Auch die Wahrnehmung eines „Geistes“ löst sich auf. Es sind einfach Gedanken, die aufsteigen und wieder vergehen.

Es wird auch klar, dass alles in der Wahrnehmung erscheint und außer dass es dort erscheint kannt nichts weiteres darüber gesagt werden. Es ist nicht festzustellen, ob diese Wahrnehmungen die Spiegelung eines objektiven Äußeren sind oder nicht. Oder ob wir vielleicht die Computeranimation von Menschen sind wie in Faßbinders Film von 1973, „Die Welt am Draht.“

Es kann ein ziemlicher Schock sein das zu erkennen.

 

Lösen der 8. Fessel – Ich-bin-Empfinden

Zwischen dem Lösen der 7. und dem Lösen der 8. Fessel liegt ein sehr merkwürdiges Teilstück der Reise. Die Welt erscheint eher zweidimensional, flach, irgendetwas stimmt nicht, aber es ist nicht festzustellen, was. Es ist, als ob eine Stelle juckt, an der man nicht kratzen kann, weil man nicht weiß, wo.

Es ist ein immer noch ein subtiles Gefühl von „Ich bin“ vorhanden.

Wie wird dieses Gefühl aufrecht erhalten? Es wird unterschiedlich empfunden, zum Beispiel als dünner Filter, der nur Infomationen hereinlässt, die zu dem speziellen „Geschmack“ oder „Charakter“ dieses Ich passen und es dadurch aufrecht erhalten.

Sobald du herausgefunden hast, wie dieses „Ich bin“ aufrecht erhalten wird, ist es ziemlich leicht. Du brauchst nur noch nachzuschauen, ob es z.B. diesen Filter wirklich gibt. In dem Augenblick, in dem du realisierst, dass es diesen Filter nicht gibt, ist die Fessel gelöst.

Die Welt ist wieder dreidimensional und Berge sind wieder Berge und Täler Täler.

Alles Schichten, die das Selbst gebildet hatten, sind aufgelöst. Es ist kein Gefühl von einem „Ich“ mehr vorhanden.

 

Lösen der 9. Fessel – Unruhe

Auch diese Fessel kündigt sich an. Vielleicht kommen Gedanken wie, “ Es MUSS doch etwas „Wirkliches“ geben, etwas Sicheres. Mit diesen Gedanken taucht ein neues Phänomen auf: Ruhelosigkeit.

Der Geist sucht unablässig, geradezu verzweifelt nach etwas, woran er sich festhalten kann. Die gewohnheitsmäßige Suche läuft noch von allein weiter.

Das Ziel des Geistes ist, alles Unangenehme abzuwehren, was auftauchen könnte. Als ob mehr gewusst werden könnte als das, was gerade geschieht.

Die Herausforderung besteht darin, dieses Nichtwissen auszuhalten. Du fühlst dich vielleicht wie in einer engen Kapsel. In dem Augenblick, in dem das Nichtwissen vollständig akzeptiert wird, weitet sich der „Nichtwissen-Raum“ ins Unendliche. Es ist völlig leicht und überhaupt kein Problem mehr, in diesem Nichtwissen zu bleiben. Die Gedanken kommen zur Ruhe, es wird nicht mehr nach etwas Sicherem gesucht. Das einzig Sichere ist das, was gerade da ist.

 

Lösen der 10. Fessel -Nichtwissen

Nichtwissen heißt in diesem Fall, es wird nicht vollständig realisiert, dass die drei Grundfakten des Lebens sind: Alles ist vergänglich, nichts ist auf Dauer befriedigend, nichts hat einen unvergänglichen Kern.

Nun, denkst du vielleicht, das weiß ich. „Das bin ich nicht, das gehört mir nicht, das ist nicht mein Selbst“.

Ja….Betrachte es einmal andersherum.

Wo du jetzt gerade sitzt, sieh dich um. Sieh ein Ding, eine Person, ein Lebewesen nach dem anderen an. Findest du etwas, was ewig bestehen wird, unvergänglich ist?

Mich hat ein existenzieller Schrecken ergriffen, als ich mich so umsah. Buchstäblich alles, was ich ansah, zerfiel. Wie in einem Zeitraffer sah ich Dinge altern, zerbrechen, zerfallen. Manche schneller, manche langsamer. Menschen besonders schnell. Ein starker Impuls etwas mit den Händen zu greifen und festzuhalten….und es rieselte einfach durch die Finger.

Puh! Kein Wunder, dass wir uns vor dieser Tatsache verstecken.

Mein Herz schmerzte und ich war sehr traurig. Ich trauerte für einige Tage. Die Übung wiederholte ich ein paar Mal – es war einfach nichts Dauerhaftes zu finden.

Der Schmerz und die Trauer hielten etliche Tage an. Irgendwann waren sie verschwunden. Und mit ihnen meine Beziehung zu all diesen Dingen. Es war wie ein Band gewesen, das mich mit allem einzeln verbunden hatte. Dieses Band war fort.

Die Welt war mir abgefallen. Große Freude und Erleichterung.

Und nun – ist irgendetwas erreicht? Nein. Nichts. Manchmal kam mir der Prozess so vor wie ein zweites erwachsen werden. Im Grunde genommen ging es die ganze Zeit einfach darum, die Wirklichkeit so zu akzeptieren wie sie ist.

Mit jeder Fessel fiel eine Last ab. Jetzt sind die Dinge einfach wie sie sind. Sie geschehen einfach und sie geschehen niemandem. Es gibt nichts zu tun. Empfindungen werden noch ausgelöst. Auch sie geschehen einfach. Auch hier muss nichts getan werden.

Das hört sich vielleicht nicht sehr erstrebenswert an. Und doch ist es der glücklichste Zustand, den ich kenne.

Hast du schon Erfahrung mit dem Lösen einer Fessel? Lass uns an deiner Erfahrung teilhaben. Und wenn Freunde von dir durch diesen Artikel weiterkommen könnten, teile ihn.

 

Ich danke Satyadhana Kevin Schanilec zutiefst für seine kenntnisreiche Begleitung durch die Fesseln.

 

Quellen:

Satyadhana Kevin Schanilec: Inquiry Into Desire/Ill will (unveröffentlicht)

Satyadhana Kevin Schanilec: Inquiry into Existence 6.-8. fetter (unveröffentlicht)

Bild: Courtesy of Pixabay, Moonlight

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18 Gedanken zu „Die zehn Fesseln

  1. Liebe Christiane,
    ein sehr komplexer Text, der mich immer neugieriger macht auf die nächsten Fesseln, die zu lösen wären.
    Die ersten 3 Fesseln lösen sich problemlos, wenn man genau schaut. Bei den übrigen Fesseln fühlt es sich zumindest schon viel weniger nach Enge an. Das theoretische Lesen aber macht es schwer, wirklich zu erfassen, was genau für Übungen gemeint sein könnten.
    Bei mir fühlt es sich immer wieder, auch ohne Übungen so an, als sei das Loslösen von dem, was man für wahr hält, das Kernthema. Immer wieder kommen bei mir in regelmäßigen Abständen intensive Emotionen hoch, nach denen das Leben sich etwas anders anfühlt als zuvor.
    Herzliche Grüße
    Tanja

  2. Liebe Tanja,

    hab ganz lieben Dank für deinen Kommentar :-). Ja, es löst sich alles letztlich auch von selbst, nur langsamer. Und es stimmt, das Hauptthema ist: Loslösen von dem, was man für wahr hält, das aber nur eine Illusion ist.

    Magst du ein bisschen dazu schreiben, wie es für dich war, die Ich-Illusion zu durchschauen und wie du es gemacht hast?

    Liebe Grüße,
    Christiane

  3. Liebe Christiane,
    ich kann davon berichten, wie es sich aus der Erinnerung heraus angefühlt hat. Aber es wird dadurch zu einer weiteren Geschichte… Das Abenteuer selbst kann viel intensiver sein als das, was ich mit Worten davon berichten kann. Es war zunächst nur der Impuls vor etwa einem halben Jahr das auf Deiner Seite erwähnte Forum LU anzuklicken… Dort fand ich spannende Dialoge, die mich neugierig machten. Die Anmeldung dort und die Bitte um einen Guide vermied ich zuerst. Ich wollte es selbst versuchen mit der App, ohne Beeinflussung durch irgendwen. So lud ich die App herunter und las sie Schritt für Schritt. Den dortigen Anregungen folgend war plötzlich die Wahrnehmung da, bei der Beobachtung eines alten Paares in der Mittagspause. Es geschieht einfach alles. Immer wieder versuchte ich die direkte Wahrnehmung in jeder arbeitsfreien Minute und es wurde immer klarer, dass das Ich nicht wirklich existierte. Zu Beginn war das sehr verwirrend, aber auch wunderbar zugleich. Durch das Arbeiten mit der App ist es ganz einfach, die Illusion zu durchschauen.
    Erst zwei Monate später habe ich mich dann doch bei LU guiden und „bestätigen“ lassen.
    Anfänglich hätte ich so gerne jedem von diesem veränderten Blickwinkel erzählt, aber weil niemand in meiner Nähe begreifen konnte, wovon ich rede, bin ich dann über LU gegangen, um in den Facebookgruppen Gespräche führen zu können oder diese zu lesen. Es war eine unglaublich intensive Zeit zu Beginn, jetzt ist alles ruhiger geworden. Immer noch ist es verwirrend, wenn das Umfeld unruhig wird, weil die alten selbstverständlich gewordenen Reaktionen nicht mehr kommen. Auch Emotionen kommen noch immer, aber es entstehen keine Dramen mehr daraus. Mit dem Verstand zu erfassen ist dies alles nicht, aber gerade das macht es auch so leicht, denn eigentlich bin ich ein ziemlicher Denker gewesen vorher und jetzt lebt es sich einfach „fluffiger“…
    Herzliche Grüße
    Tanja

  4. Liebe Tanja,

    herzlichen Dank für deinen lebendigen Bericht 🙂 .

    Ja, es ist eine Geschichte. Aber vielleicht ja eine, die noch mehr Menschen animiert selbst hinzuschauen. Den meisten ist einfach nicht klar, wie undramatisch es ist zu erkennen, dass es das Ich gar nicht gibt.

    Und wirklich, es lebt sich einfach „fluffiger“.

    Liebe Grüße,
    Christiane

  5. Liebe Christiane,

    nachdem ich vor 2 Nächten den Traum hatte, dass mein verstorbener, inniglich geliebter Mann wieder anwesend sei, lese ich gerade deinen Artikel!!!!!!! (Die Email über diesen Artikel hatte ich ja schon ein paar Tage auf meinem PC:)

    Vielen Dank für diese für mich gut nachvollziehbare Beschreibung der 10 Fesseln.

    Die Erkenntnis am morgen danach, dass er in physischer Form nach wie vor nicht da ist, löste so starke Traurigkeit aus, dass mir gerade nochmal klar wird, wie groß der Widerstand gegen das, was ist, war. Gleichzeitig kam auch große Abwehr mit dem Gedanken auf, dass ich das plötzliche Sterben eines geliebten Menschen nicht noch einmal erleben möchte. Es war ein Schock. Aber selbst dieser Schock vor 3,5 Jahren hat mich nicht desillusioniert; es sollte und soll bei mir wohl schritt-weise geschehen.

    Wie du oben auch beschreibst, kam ich schließlich auf die Idee der Hingabe an die Traurigkeit. Denn sie erschien ja gerade deutlich spürbar. Heute, 2 Tage danach, ist sie wie aufgelöst. Das ist das Gute an der Vergänglichkeit; alles hat zwei Seiten.
    Wie echt Illusionen wirken können, habe ich gerade wieder erfahren, aber nicht nur das; ich komme mehr dahinter, dass auch der Tod eine Illusion ist.

    Liebe Grüße,
    Susanne

  6. Liebe Susanne,

    ich danke dir, dass du uns an dieser berührenden Erfahrung teilhaben lässt. Es muss ein unglaublicher Schock gewesen sein, du hast mir ja die Umstände erzählt, unter denen dein Mann gestorben ist. Und welch‘ mutiger Schritt, sich der Traurigkeit so hinzugeben. Ja, das Gute an der Vergänglichkeit ist, dass auch das Schlimme wieder verschwindet.

    In welcher Hinsicht ist für dich der Tod eine Illusion?

    Liebe Grüße,
    Christiane

  7. Liebe Christiane,

    danke, dass du fragst, in welcher Hinsicht der Tod für mich eine Illusion ist.

    Ich greife mal etwas zurück: Als Herbert plötzlich tod war, setzte bei mir ganz stark der Gedanke des Nichtwahrhabenwollens ein, was ich heute als Schutzreaktion deuten würde.
    Als ich dann aber einige Wochen später den Mut hatte, mich der Wirklichkeit zu stellen, sah und empfand ich Leere , der ich – so komisch sich das jetzt anhören mag- auf den Grund gehen wollte, und damit ging meine Ent-deckungs-reise los…..

    Heute kann ich deutlicher erfassen, dass alles, was in dieser Welt erscheint, auf Gedankenkonstrukten, Gefühlen und Sinnesempfindungen aufbaut, was auch irgendwie miteinander verbunden zu sein scheint. Ich, auch Illusion, spielt in dieser Geschichte ihre Rolle, Tages- und Nachtgeschehen vom Geist projiziert, die sich in diesem Fall auch miteinander verbunden anfühlten. Hier ist mir richtig klar geworden, was man unter Identifikation versteht.
    In diesem Bewußtwerden liegt für mich ein Schlüssel: je mehr die Identifikation abnimmt, desto mehr scheinbarer Abstand entsteht. In diesem Abstand bin ich Herbert näher als je zuvor. Was bedeutet dann Tod???

    Worte sind nicht adäquat, um auf diese Frage genauer zu antworten, aber um es nochmal mit der Metapher des Ozeans und der Welle zu vergleichen, so erkenne ich mich immer weniger als Welle und mehr als Wasser/Ozean.

    Liebe Grüße,
    Susanne

  8. Liebe Susanne,

    danke für deine Antwort :-). Du hast wunderbare Worte dafür gefunden.

    Da bleibt Nichts zu sagen.

    Liebe Grüße,
    Christiane

  9. Liebe Susanne,
    es ist mir ein Bedürfnis, auf Deine Kommentare zu antworten. Ich hatte vor einiger Zeit eine ganz ähnliche „Begegnung“ mit meiner Tochter, die ich vor fast zwei Jahren kurz vor ihrem 18. Geburtstag tot gefunden habe. In dem Moment damals war es wie ein riesiges Loch, ich wollte nicht begreifen, dass ich es nicht verhindern konnte. Aber gerade durch den Weg der Trauer konnte vieles anders wahrgenommen werden und ist sie mir jetzt auf eine Weise nah, die nicht zu beschreiben ist.
    Vor einigen Wochen war dann ganz klar, dass Geburt und Tod eins sind oder eben Illusion, wie Du es bezeichnest. Als ich Deinen ersten Kommentar las, war ich gespannt auf Deine Antwort, denn nichts von all dem kann ich mit dem Verstand erklären.
    Danke für deine wunderbare Antwort, Susanne!
    Herzliche Grüße Tanja

  10. Liebe Tanja,

    danke für deine Offenheit in deinen Zeilen an mich.

    Ist es nicht interessant, wie man sich durch ein ähnliches Schicksal verbunden fühlen kann, und gleichzeitig durch die Offenheit mehr Weite erlebt?

    Ich freue mich mit dir, Tanja, dass auch du durch dieses Ereignis (scheinbar) diesen Weg eingeschlagen hast.

    Alles Liebe,
    Susanne

  11. Interesting article, thank you for that 🙂

    Do you know if/when „Satyadhana Kevin Schanilec“ tends to publish his work?

  12. Hi Nolan,

    thank you for your comment. I asked Satyadhana and he told me, that he is still working on it. Do you want me to tell you when a publication comes out?

    Much love – Christiane

  13. Hallo Christiane
    Für mich war das wirklich erschütternde das ich, nach einiger Frustrationen mit Geschenken und Wünschen, auf die Frage was ich mir zum Geburtstag wünsche, mit Nichts geantwortet habe und im gleichen Augenblick voller Verwunderung feststellte das das wirklich so ist. Ab da konnte ich schenken und Geschenke annehmen einfach so. Davor waren da immer diese merkwürdigen Bedenken und Vorbehalte. Ich hatte gleichzeitig gelernt das ich Geschenke annehmen muss und zwar ohne irgendwelche Gedanken.
    Weiteres zu den zehn Fesseln brauch ich nicht zu sagen da das von Dir beschriebene meinen Erfahrungen entspricht und alles durch mein Erleben bestätigt wird. Da gibt es wirklich nur noch Erfahrungsberichte. Schwierig bis unmöglich wird es wenn genau darüber berichtet wird denn dann gibt es ein ich das schreibt auch wenn klar bewusst ist das es da kein ich gibt. Was soll#s Du weißt was ich meine.
    Ich danke Dir für diese Klarheit!
    liebe Grüß
    Helmut
    LU Helmut9

  14. Lieber Helmut,

    herzlichen Dank für deinen wunderbaren Kommentar. ist das nicht unglaublich, was uns jeweils wirklich erschüttert? Ich habe mich sehr über deinen Erfahrungsbericht gefreut. 🙂

    Und ja, über Erfahrungen kann man nicht sprechen. Man kann ja noch nicht einmal erklären, wie ein Apfel schmeckt, wenn jemand ihn noch nie gesehen hat.

    Alles Liebe,
    Christiane

  15. The feeling „I perceive“ emerges, space, time and consciousness arise.

    Above is Google Chrome’s English translation of a part of point no. 7 from top.
    In this context, can you please tell me that at what age (approximately) are space and time are created at mind?
    If say this age is 5 years, then can there be a way by which we can put a 4 year old kid to some mild experiment in order to know that whether s/he possesses any cognition of space and time?

  16. Hi Updessh,
    lovely to meet you here :-). The google translation is correct. I am not totally sure whe time and space are perceived. Watching a baby it starts to get an impression of space very early when reaching out for toys. And I know very little ones who within the first year know for example when a parent is supposed to be at at home and when they don’t come the baby will start to cry. So from observation I would say it starts very early.

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